Für A.

Freitag, 30. November 2012

Wir haben lan­ge gechat­tet. Es scheint so, als wenn wir zwei teil­wei­se sehr unter­schied­li­che Per­spek­ti­ven haben. Doch am Ende unse­res Gesprächs hät­ten wir uns bei­na­he am glei­chen Punkt getrof­fen. So kam es mir jeden­falls vor. Daher wür­de ich da ger­ne noch­mal anset­zen.

Du hast geschrie­ben:

Das Ich ist nicht wirk­lich im Sin­ne des Abso­lu­ten […] — aber es IST eben nicht Illu­si­on — denn ich weiß nie VORHER ob es Täu­schung ist oder Nicht-Täu­schung, daher ist auch Illu­si­on Wahr­heit und eben­falls „leer“ also ohne Sub­stanz. Wenn ich um die Leer­heit der Phä­no­me­ne weiß, kann ich sagen “ Ich weiß ES nicht“ — weil ES eben auch nur ein lee­res Phä­no­men ist, was immer ES ist.

[…] Kör­per ist auch „ich“ und Wahr­neh­mung, Bewusst­sein auch — also neben den Sin­nes­ein­drü­cken und den Gedan­ken bleibt als letz­te Enti­tät das Kör­per­li­che. Und die Angst vor dem Tod. Vor Ver­nich­tung. Ich ver­mu­te mal, dass das auch der Grund für Advai­ta und Neo-Advai­ta ist — die Fra­ge, wie die Angst vor dem Tod bewäl­tigt wer­den kann. Das hat dann zur Aus­flucht ins Reli­giö­se geführt — zum Glau­ben an Gott. Das beru­higt auch. Und auch der Glau­be, es gäbe kein Ich — das wäre ein Gespenst. Das ist ein Glau­be. Aber die Todes­angst ist kein Gespenst, son­dern wirk­lich.

Das — dar­über­hin­aus gibt es kein sons­ti­ges Ich — das ist voll­stän­dig iden­tisch mit der Erfah­rung, die du machst. Jetzt. Das lässt sich nicht voll­stän­dig beschrei­ben […]. Das aber bist du nicht — ganz. Was bleibt ist die Offen­heit, über die man eben nichts wis­sen kann.

Nein, das Ich ist kei­ne Illu­si­on. Aber es ist auch nicht das, wofür es nor­ma­ler­wei­se gehal­ten wird. Es ist nur ein Kon­zept. Nicht abso­lut wahr — wenn man so will. Das, was wirk­lich wahr ist, was die Wahr­heit hin­ter all dem ist (Du nennst es ES), kann nicht gewusst wer­den. Aber ES ist auch nicht nur ein lee­res Phä­no­men. Ein Phä­no­men wür­de ja auch in die Welt der Objek­te gehö­ren. Aber die Fra­ge ist doch: was kann man über das Sub­jekt sagen? Nichts.

Wenn das gese­hen wird, kann es eigent­lich kei­ne Angst mehr vor Ver­nich­tung oder Tod geben. Was soll­te denn ver­nich­tet wer­den? Der Kör­per ist auch nur ein Objekt der Wahr­neh­mung. Was geschieht denn dem Wahr­neh­men­den, wenn der Kör­per ver­letzt wird? Die Art der Erfah­rung ändert sich viel­leicht von Freu­de zu Schmerz. Aber ist das mehr als ein Umschal­ten des Fern­seh­pro­gramms?

Das, wor­über wir bei­de nur indi­rekt spre­chen, erken­ne ich in Dei­nem letz­ten Absatz. Es ist iden­tisch mit der Erfah­rung hier und jetzt — und doch ist es das nicht ganz. Viel mehr kann man dar­über viel­leicht nicht sagen — aber wis­sen kann man es schon. Man kann es abso­lut und unum­stöß­lich wis­sen — oder es auch nur mit einem Wort wirk­lich aus­drü­cken zu kön­nen.

Ich sehe zwei Per­spek­ti­ven, zwei unter­schied­li­che Wege das Sel­be aus­zu­drü­cken.