Maßstäbe.

Sonntag, 22. April 2012

Es war so, wie ich es erwar­tet hat­te. Genau genom­men hat­te ich mich sogar dar­auf gefreut. Beim Ein­tau­chen in die lau­te Musik und als Teil der vie­len Men­schen, ver­liert das „Ich“ mehr als sonst sei­ne Glaub­wür­dig­keit.

Im Grun­de ist es ein­fach span­nend zu beob­ach­ten, wie die­ses „Ich“, die Per­son, eigent­lich nur aus einer ganz bestimm­ten Per­spek­ti­ve über­haupt exis­tiert. Die Per­son ist nur dann „wich­tig“, wenn ich mein „Blick­feld“ auf einen Maß­stab von „Metern“ ein­stel­le. In die­sem Maß­stab sehe ich indi­vi­du­el­le Men­schen. Per­so­nen. Jede mit ihrem eige­nen Namen, per­sön­li­chen Eigen­schaf­ten, einer Geschich­te, usw.

Wenn ich aber eine Lupe neh­men wür­de, mei­nen Maß­stab also auf „Mil­li­me­ter“ ein­stel­le, ist das Bild schon ein völ­lig ande­res: ich sehe z.B. die Struk­tur der Haut. Da gibt es Fal­ten, unter­schied­li­che Far­ben der Haut, Haa­re… Es gibt noch einen gedank­li­chen Bezug zu der Per­son, der die­se Haut­par­tie „gehö­ren“ mag — aber eigent­lich ist das Indi­vi­du­um schon nicht mehr zu erken­nen.

Geht man noch näher ‚ran, befin­det man sich schon auf der Ebe­ne von Ato­men und Ele­men­tar­teil­chen. Wo ist hier die Per­son? Ato­me sind nicht indi­vi­du­ell. Ich kann noch ein Was­ser­stoff- von einem Sauer­stoff-Atom unter­schei­den, aber wo ist „ich“ auf die­ser Ebe­ne? Selbst wenn ich mir jedes Atom ein­zeln anse­he, das auf der Meter-Ebe­ne „mich“ formt — fügt sich die­ses Bild dann zu der Per­son zusam­men, die ich in dem ande­ren Maß­stab noch wahr­ge­nom­men habe? Hat die­se Per­son irgend­ei­ne Bedeu­tung auf der Atom-Ebe­ne? Kann sie Ein­fluss neh­men?

Jetzt zoo­men wir mal weit her­aus auf „Kilo­me­ter“. Men­schen wer­den zu Städ­ten und Län­dern. In der Nacht sieht man die erleuch­te­ten „Adern“ inner­halb und zwi­schen den Städ­ten. Ich kann mir noch vor­stel­len, dass die Men­schen dort wie Amei­sen umher­wim­meln. Aber wel­che Bedeu­tung hat das Indi­vi­du­um noch in die­sem Spiel? Wür­de mir aus die­ser Per­spek­ti­ve auf­fal­len, wenn einer fehlt? Ist der Ein­zel­ne aus die­ser Per­spek­ti­ve über­haupt wich­tig?

Im nächs­ten Sprung sehe ich die Erde als Pla­ne­ten auf ihrem Weg um die Son­ne. Ist es nicht völ­lig egal, ob Men­schen über­haupt exis­tie­ren? Wür­de es in unse­rem Son­nen­sys­tem über­haupt auf­fal­len, wenn alles Leben auf der Erde aus­ge­löscht wäre? Gera­de­zu abwe­gig ist der Gedan­ke, dass „ich“ oder irgend­ei­ne ande­re Per­son auf die­ser Ebe­ne über­haupt irgend­ei­ne Bedeu­tung hat. Und ich könn­te noch wei­ter her­aus­zoo­men…

Was wir als sooo wich­tig wahr­neh­men, exis­tiert nur in unse­rer eige­nen Erleb­nis­welt. Das „Ich“ schmilzt schon bei dem kleins­ten Maß­stabs­sprung. Es ist nicht mehr als eine Funk­ti­on auf einer bestimm­ten, sehr begrenz­ten Ebe­ne der Exis­tenz. Noch dazu ist es selbst­re­fe­ren­zi­ell: es defi­niert und bestä­tigt sei­ne Exis­tenz selbst.

Es gibt noch einen radi­ka­le­ren Per­spek­tiv­wech­sel. Hin­aus aus der Welt der Din­ge. Jen­seits der Illu­si­on des „Ich“. In die Lee­re des Nicht-Wis­sens. Hin­ein in die Stil­le, aus der alles ande­re her­vor­geht. Aus die­ser Per­spek­ti­ve ist selbst die Exis­tenz des Uni­ver­sums unbe­deu­tend…