Nicht anhaften.

Samstag, 7. April 2012

Es ist nicht so leicht zu beschrei­ben, was mit „Anhaf­tung“ gemeint ist. Der Begrifft taucht in der Zen-Lite­ra­tur andau­ernd auf. Und „nicht anhaf­ten“ soll dort einer der Schlüs­sel sein, um sein wah­res Wesen zu erken­nen.

Es geht im Grun­de dar­um, sich nicht zu „ver­stri­cken“ in den Din­gen der Welt. Das ist schon ein ganz gutes Bild: „ich“ bin ein­ge­webt in unzäh­li­ge Fäden. Jeder Gedan­ke, jeder Sin­nes­ein­druck „pro­du­ziert“ einen neu­en Faden, der das Gewe­be immer dich­ter und undurch­läs­si­ger wer­den lässt. Wie eine Mumie bin ich ein­ge­spon­nen.

Oder man stellt sich vor, dass man eine Kis­te vol­ler Kle­be­band hat und mit den Hän­den dar­in her­um wühlt. Über­all bleibt man kle­ben und immer wie­der muss man das Band von den Fin­gern lösen, damit sich über­haupt noch bewe­gen kann. Ohne Anhaf­tung ist die Kis­te und das Kle­be­band immer noch da, aber es klebt nicht mehr an den Hän­den.

Noch bes­ser gefällt mir ein ande­res Bild: für die Per­son ist jedes Gesche­hen, jeder Gedan­ke, wie in Stein gemei­ßelt. Jede Linie ist für alle Ewig­kei­ten fest­ge­hal­ten. Und weil sie kaum noch rück­gän­gig gemacht wer­den kann, wird ihre „Rich­tig­keit“ ver­tei­digt. Und wenn alles sei­ne Spu­ren unver­än­der­bar hin­ter­lässt, ist alles auch extrem wich­tig. „Ich“ will kon­trol­lie­ren, wel­che neu­en Spu­ren hin­zu kom­men. Nicht, dass etwas Uner­wünsch­tes pas­siert — das wäre eine Kata­stro­phe!

Wenn man es schafft einen Schritt zurück zu tre­ten, ver­än­dert sich das Bild. Die Lini­en ent­ste­hen immer noch — doch jetzt nur noch wie in Sand gezeich­net. Mit der Zeit kön­nen sie ver­wi­schen, wer­den undeut­lich oder ver­schwin­den sogar ganz. „Ich“ ärge­re mich immer noch über Lini­en, die nicht so aus­se­hen, wie „ich“ sie mir wün­schen wür­de. Doch das ist alles nicht mehr so schlimm, weil sich das Bild ja auch wie­der ver­än­dern kann. Viel­leicht ist die Linie, über die „ich“ mich gera­de noch ärge­re, bald schon nicht mehr zu sehen.

Kann „ich“ mich noch wei­ter von der Anhaf­tung an die Din­ge der Welt lösen, ent­ste­hen die Lini­en nur noch auf dem Was­ser. Sie hin­ter­las­sen kurz eine sicht­ba­re Spur, erzeu­gen eini­ge Wel­len und brin­gen so die Ober­flä­che für eini­ge Zeit in Unru­he. Doch schon sehr bald ist auch das vor­über. Mehr als die­se Unru­he ist auch von uner­wünsch­ten Lini­en nicht zu erwar­ten. Immer ist die Gewiss­heit da, dass sich die gan­ze Auf­re­gung nicht lohnt. Lini­en kom­men und ver­ge­hen.

Auch wenn man „hin­ter die Din­ge“ sieht, ver­schwin­den die Lini­en nicht. Es gibt immer noch die Welt mit all den Din­gen, die dar­in pas­sie­ren. Stän­dig erge­ben sich neue Lini­en — doch sie sind wie in die Luft gezeich­net. Sie sind nur im Moment ihrer Ent­ste­hung zu sehen. Eigent­lich nicht ein­mal als Linie, son­dern eher als Bewe­gung. Nichts hin­ter­lässt eine Spur. Es gibt die­se Bewe­gung, die­se Lini­en. Ihre Häu­fig­keit, ihre Tie­fe, die Geschwin­dig­keit ihrer Ent­ste­hung: alles ist unver­än­dert. Aber aus dem „Erstar­ren in Stein“ ist Frei­heit gewor­den.